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Neurotische Depression
Unterschiedliche
Formen depressiver Erkrankungen stellen die häufigsten psychischen Störungen
überhaupt dar. Die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen
Fachgesellschaften (AWMF) gibt in den Leitlinien der deutschen Gesellschaft für
Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (GDPPN) eine Übersicht über
die Häufigkeit der Depression. Demnach leiden mehr als 10 % der Gesamtbevölkerung
an depressiven Störungen. Die Zahl schwerer und damit unbedingt behandlungsbedürftiger
depressiver Erkrankungen wird mit 2 bis 7 % angegeben. Die Lebenszeitprävalenz,
d. h., das Risiko eines Menschen im Laufe seiner Lebensspanne zumindest einmal
an einer Depression zu erkranken, wird mit 7 bis 18 % beziffert.
Depressionen
können seelisch bedingt sein (neurotische Depression bzw. reaktive Depression),
vorwiegend anlagebedingt (endogene Depression) oder auch somatisch bedingt,
beispielsweise als Symptom einer Körpererkrankung oder als Nebenwirkung von
Medikamenten.
Die neurotische
Depression stellt innerhalb des Spektrums depressiver Erkrankungen die größte
Gruppe dar. Im allgemeinen geht man davon aus, dass es sich bei einer
neurotische
n
Depression in der Momentaufnahme zwar meist nicht um ein besonders schweres
depressives Erscheinungsbild handelt, die Symptomatik allerdings oft schon im
Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter beginnt und unbehandelt oft einen
chronischen Verlauf nimmt. Unter Berücksichtigung der Chronifizierungsprozesse
entsteht so bei vielen an einer
neurotische
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Depression Erkrankten ein erheblicher Leidensdruck.
Bei einer
neurotische
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Depression geht man davon aus, dass psychologische Faktoren eine ganz
wesentliche, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle spielen. Die Betrachtung
des lebensgeschichtlichen Zusammenhanges zeigt oftmals typische Konflikte in frühen
und prägenden Kindheitsjahren, die von der betreffenden Person internalisiert,
d. h. verinnerlicht worden sind und somit im erwachsenen Alter ihre Relevanz
behalten. Exemplarisch skizziert könnte der Werdegang eines Menschen, der später
an einer
neurotische
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Depression erkrankt, etwa wie folgt aussehen.
(Beispiel) Frau A. wird geboren als älteste von 4 Geschwistern
einer emotional überforderten Mutter. Mit großer Sensibilität ausgestattet,
erspürt Frau A. nun in frühen Kinderjahren die mütterliche Überforderung.
Sie richtet ihr ganzes Verhalten darauf aus, brav zu sein, der Mutter keinen
Kummer zu bereiten und diese zu unterstützen. Unangepasst zu sein, Wünsche und
Bedürfnisse zu äußern erweckt Schuldgefühle, weil Frau A. unbewusst
realisiert, dass sie hierdurch die mütterliche Überforderung verstärken kann.
Um dennoch in den Genuss mütterlicher Zuwendung und Bestätigung zu gelangen,
entwickelt Frau A. Umwege. Sie „wählt“ früh die Rolle von Mutters Großer,
die sich selbstlos und bescheiden um die jüngeren Geschwister kümmert und die
Mutter hierdurch entlastet.
Sie wird Lob und Bestätigung von der Mutter erhalten, aber stets über den
Umweg eine Leistung erbracht zu haben. Obwohl die Beziehung zur Mutter insgesamt
gut und tragfähig sein mag, wird bei Frau A. ein ständig nagender Zweifel zurückbleiben,
ob sie so gemocht und geliebt wird sie ist oder ob sie Zuneigung nur deshalb erfährt,
weil sie sich im Dienste der Mutter
engagiert. Dieser Grundkonflikt wird in die Persönlichkeit von Frau A.
eingehen. Sie wird möglicherweise den Beruf einer Krankenschwester oder einen
anderen sozialen Beruf erwählen, wo sie das fortführen kann, was sie im
Elternhaus gelernt hat. Sie wird sich beruflich um andere Menschen kümmern und
auch in der Familie ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse zurückstellen. Sie
wird möglicherweise ihre Zuwendung für anderen Menschen übertreiben.
Getrieben ist sie dabei von einem oft unbewussten Wunsch, durch das starke
Engagement für andere Menschen gemocht und geliebt zu werden. Mit einer solchen
depressiven Persönlichkeitsstruktur kann Frau A. in ihrem Leben durchaus sehr
erfolgreich sein, sozial engagiert und von anderen Menschen sehr geschätzt. Zur
Dekompensation und zum Auftreten depressiver Krankheitssymptome kommt es meist
dann, wenn der ursprüngliche Konflikt aus der Kindheit wiederbelebt wird. Dies
kann zum Beispiel durch gravierende lebensverändernde Ereignisse sein. Der Tod
der Mutter oder eine partnerschaftliche Trennung beispielsweise können dazu führen,
dass Frau A. sich eingestehen muss, das Ausmaß an Liebe, Zuneigung und Wertschätzung,
das sie sich immer gewünscht hat, von der geliebten Person endgültig nicht
mehr erhalten zu können. (Oftmals sind auslösende Situationen aber viel alltäglicher
und werden in ihrer emotionalen Bedeutung verkannt).
Dies führt
nicht alleine zu einer schweren Enttäuschung, sondern auch zu Gefühlen von Ärger
und Wut auf die enttäuschende Person. Genau diese aggressiven Gefühle kann
Frau A sich allerdings nicht eingestehen, da sie nicht zu ihrem Selbstbild
passen. In der Fachsprache sagt man, dass diese Gefühle verdrängt bleiben. Mit
der Verdrängung sind die Gefühle allerdings nicht einfach zum Verschwinden
gebracht. Gleichsam in einer Umkehrung, in einer „Wendung gegen das Selbst“
richten sich die aggressiven Gefühle jetzt gegen die eigene Person. Aus dem
Vorwurf der Anklage wird jetzt eine depressive Selbstanklage „ich kann nichts,
ich schaffe nichts, ich bin nichts wert“.
Typische Symptome einer
neurotische
n
Depression:
-
Gefühle: Die Stimmung ist
unglücklich, niedergeschlagen, bedrückt, verzweifelt und resigniert. Es
kann sein, dass Jemand bei jeder Kleinigkeit in Tränen ausbricht oder aber,
dass er sich tief bedrückt und verzweifelt erlebt, aber geradezu daran
leidet, nicht weinen zu können. Die Bandbreite normalen emotionalen
Erlebens ist stark eingeschränkt. Ein stark depressiver Mensch kann sich über
positive Ereignisse nicht freuen. Vielleicht kann er solches nicht einmal
mehr wahrnehmen. Viele depressive Menschen beschreiben ein „Gefühl der
Gefühllosigkeit“. Sie leiden daran, keine Gefühle der Liebe mehr
empfinden zu können und äußern, dass alles leer, stumpf und abgetötet
sei. Sie sprechen von einem „Erkalten über Gefühle“ oder einer
„seelischen Mauer“, die sie umgibt.
-
Energie/Antrieb:
Depressive
Menschen leiden daran, sich nicht aufraffen zu können, etwas zu tun. Der
Wille zu Aktivitäten kann durchaus vorhanden sein, aber der Betreffende
erlebt sich in hohem Maße lustlos, antriebslos, schwach und kraftlos, ohne
Schwung und ohne Initiative. Er kann sich nicht aufraffen. Der „innere
Schweinehund“ wird unüberwindbar groß. Manche Menschen beschreiben es
als ein Gefühl, „als ob eine unsichtbare Macht einem von jeglicher
Aktivität fern hält“. Entgegen dieser depressiven Hemmung, die zumindest
bei schweren Depressionen auch für die Umgebung sichtbar wird, erleben
viele Menschen eine starke innere Unruhe. Sie sind nervös, gestresst,
gehetzt und getrieben, „wie unter Strom“. Als Versuch, die depressive
Hemmung mit Willensanstrengung zu überwinden, kommt es oft zu einem
hektischen Beschäftigungsdrang. Vieles wird angefangen, jedoch ohne die Tätigkeit
zu einem sinnvollen Ende führen zu können.
-
Aufmerksamkeit/Konzentration:
Die Konzentration ist meistens
beeinträchtigt. Eine längere konzentrierte Beschäftigung mit einer Sache
wird unmöglich. Das Denken ist gehemmt, die Merkfähigkeit eingeschränkt.
Die Aufmerksamkeit wird zunehmend von der Umgebung (private oder berufliche
Angelegenheiten) abgezogen. Sie engt sich immer mehr auf die depressive
Symptomatik ein. Es wird zunehmend schwer, sich mit mehreren Dingen
gleichzeitig zu beschäftigen, man erlebt sich selbst als abwesend, mit den
Gedanken woanders.
-
Denken: Typisch für eine
Depression ist das grüblerische Denken. Die Gedanken drehen sich im Kreis,
die immer gleichen Denkinhalte drängen sich auf. Man kommt zu keinem
Ergebnis. Dabei zermürbt das depressive Denken. Es kommt zu einer Überbewertung
früherer oder aktueller Ereignisse mit dem Resultat eines schlechten
Gewissens. Vielleicht werden kleinere Verfehlungen aus der Vergangenheit
gegenwärtig, mit der Tendenz, sich ständig vor sich selbst rechtfertigen
zu müssen. Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ist stark
herabgesetzt. Bei einer schweren Depression kann Jemand auch bei einer
banalen Fragestellung in ein grüblerisches Abwägen geraten, sich hin- und
hergerissen fühlen, unfähig, zu einer Entscheidung zu gelangen.
-
Selbstwert:
In einer Depression erscheint der Betroffene sehr dünnhäutig. Er ist sehr
sensibel gegenüber Kritik und fühlt sich rasch angegriffen. Er neigt unter
Umständen dazu, Schuldgefühle zu entwickeln, auch dort, wo es nicht um
eigenes Verschulden geht. Das Selbstwertgefühl ist insgesamt deutlich
herabgesetzt. Schwer depressive Menschen erleben sich nicht selten als eine
Last für ihre Umgebung und entwickeln lebensmüde Gedanken. Dies kann
beginnen mit den unspezifischen Gedanken, das alles nicht mehr aushalten zu
können, nicht mehr aufwachen zu wollen. Nicht selten tauchen konkrete
Suizidgedanken oder -pläne auf. Ca. 50 % aller tödlich verlaufenden
Selbstmordversuche werden im Rahmen depressiver Erkrankungen begangen.
-
Zwischenmenschlicher und
beruflicher Bereich: Das Interesse an Hobbys geht verloren. Es fällt
zunehmend schwer, Kontakte aufrechtzuerhalten. Der an einer Depression
erkrankte Mensch tritt einen Rückzug an, igelt sich ein, sagt häufig unter
Vorwänden Verabredungen ab. Es fällt schwer, neue Kontakte zu knüpfen.
Weil man sich nicht traut seinen Freunden mitzuteilen an einer Depression zu
leiden, verstehen diese die eigenen Reaktionen oft falsch und wenden sich
aus Ärger ab. An der Arbeit entsteht zunächst ein Gefühl permanenter Überforderung.
Arbeiten dauern länger als sonst. Schließlich kommt es auch zu einem
objektivierbaren Leistungsabfall. Das Arbeitspensum wird nicht geschafft.
Nicht selten nimmt man Akten mit in den Feierabend, ins Wochenende oder in
den Urlaub. Hierdurch beschleunigt sich zumeist die Abwärtsspirale
depressiven Erlebens, da Regenerationszeiten zunehmend fehlen.
Neurotische Depression: Körperliche Symptome
-
Schlafstörungen:
Einschlafstörungen
können auftreten, sind insgesamt aber weniger typisch als Durchschlafstörungen,
die fast bei keiner Depression fehlen. Auf dem Höhepunkt einer schweren
Depression erwacht Jemand manchmal nach ein oder zwei Stunden bereits wieder
und kann für längere Zeit nicht einschlafen. Oder aber der Schlaf bleibt
ab dem ersten Erwachen oberflächlich und ist durch viele Wachphasen gestört.
Gehäufte Albträume können auftreten. Morgens fühlt man sich wie gerädert,
so, als habe man überhaupt nicht geschlafen.
-
Appetit:
Eine schwere Depression geht häufig mit einer Appetitlosigkeit und starkem
Gewichtsverlust einher, sodass die Betreffenden nicht selten befürchten, an
einem Tumor erkrankt zu sein. In anderen Fällen kommt es zu Heißhunger und
folglich zu einer Gewichtszunahme.
-
Kopfdruck:
Typisch für eine Depression ist ein diffuser Druck im ganzen Kopf. Es
handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um einen Kopfschmerz, bei dem es
irgendwo pocht, sticht oder hämmert. Depressive Menschen beschreiben diesen
Kopfdruck oft als ein Gefühl, ständig einen Helm zu tragen oder so, als
sei der Schädel ständig leicht in einen Schraubstock eingespannt.
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Atmung:
Enge im Brustkorb, Druck auf der Brust, flache Atmung, schweres Atmen und
Keuchen.
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Herzbeschwerden:
Herzklopfen,
Herzrasen. Stechen und Brennen in der Herzgegend, Druckgefühl hinter dem
Brustbein.
-
Kreislauf/vegetatives
Nervensystem: Hitzewallungen und Kälteschauern. Zittern. Leichtes Erröten.
Kalte Hände und Füße. Temperaturüberempfindlichkeit.
Blutdruckschwankungen bzw. ständig erhöhter Blutdruck. Schwindel, weiche
Knie.
Die Behandlung der
neurotische
n
Depression setzt zunächst eine eingehende
psychotherapeutisch/psychiatrische und körperliche Untersuchung voraus. Ist die
Diagnose gesichert, geht es um die Identifizierung von individuell prädisponierenden,
krankheitsauslösenden und -aufrechterhaltenden Faktoren. Schließlich geht es
darum möglichst genau zu erfassen, wie sich das Beschwerdebild eines an einer
neurotische
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Depression erkrankten Menschen in
seinen konkreten Lebensbezügen (Beruf, Familie, Freizeit) auswirkt.
Bei der
Behandlung einer
neurotische
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Depression steht die Psychotherapie im Vordergrund. Das therapeutische
Vorgehen unterscheidet sich methodisch in Abhängigkeit vom angewandten
Therapieverfahren (tiefenpsychologische Psychotherapie, Verhaltenstherapie).
In der Verhaltenstherapie geht es weniger darum, in der Vergangenheit
liegende Ursachen für eine Depression aufzudecken. Vielmehr wird versucht, ungünstige
Verhaltensmuster und Denkgewohnheiten, deren sich die Patienten meist gar nicht
bewusst sind, zu identifizieren. Unter Anleitung des Psychotherapeuten lernt der
Patient dann, andere, günstigere Verhaltensweisen zu entwickeln und einzuüben.
So kann sehr kleinschrittig beispielsweise versucht werden, einen Patienten
anzuregen, seinen sozialen Rückzug ein wenig aufzugeben und wieder unter
Menschen zu gehen, seine Arbeit wieder aufzunehmen oder in angemessener
Abstufung alltägliche Verrichtungen wieder zu bewältigen. Depressive
Selbstzweifel, Selbstanklagen und negative Ansichten über andere Menschen und
über sich selbst werden eingehend besprochen. Mit Hilfe des Therapeuten kann
der Patient so allmählich lernen, seine negative (depressive) Sicht der Dinge
gegen eine neutralere oder positivere Haltung einzutauschen.
Tiefenpsychologische Therapieansätze gehen zwar auch davon aus,
dass Lernvorgänge in der
Depressionsentstehung eine Rolle
spielen. Sie messen diesen aber eine etwas geringere Bedeutung bei. Als zentral
werden hier bestimmte Konflikte früherer Lebensphasen angesehen, die nicht
angemessen bewältigt werden konnten und jetzt im Erwachsenenleben eine krank
machende Wirkung entfalten. Im therapeutischen Gespräch wird die
depressionsauslösende Konfliktsituation identifiziert. Dabei geht es nicht
alleine um eine äußere, sozusagen objektivierende Beschreibung der
Konfliktsituation, sondern vor allem darum zu erhellen, wie die betroffene
Person subjektiv auf ihrem persönlichen Lebenshintergrund die Situation erlebt
hat. Oft ermöglicht erst das Verständnis lebensgeschichtlich prägender
Konfliktsituationen, die gefühlsmäßige Dimension des Aktualkonfliktes
angemessen zu verstehen.
Beispiel: Ein 47-jähriger Angestellter kommt mit deutlich ausgeprägten
Symptomen einer Depression in eine Rehabilitationsklinik. Er berichtet,
dass die depressive Symptomatik mit nur kurzer Verzögerung aufgetreten sei,
nachdem sein Abteilungsleiter ihm den schon lange zuvor besprochenen Urlaub aus
betrieblichen Gründen gestrichen habe. Der pflichtbewusste und ehrgeizige
Mitarbeiter verzichtete auf den Urlaub, entwickelte aber nach kurzer Zeit
bereits Schlafstörungen und dann das Vollbild einer Depression. Der aktuelle
Konflikt ist unschwer zu identifizieren. Es geht um einen Widerstreit zwischen Wünschen
nach Ruhe, Erholung und Urlaub auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem
Pflichtgefühl, seiner Arbeit nachzukommen und für Interessen der Firma
einzutreten.
Allein die
Betrachtung des aktuellen Konfliktes vermag allerdings nicht zu erklären, warum
dieser Mitarbeiter eine Depression entwickelt. Das vertiefte Gespräch zeigt,
dass der Mitarbeiter durchaus Verständnis für die betriebliche Situation
aufzubringen vermag. Er sieht ein, dass nicht alle Mitarbeiter in Urlaub gehen können,
weil ein großes und wichtiges Projekt abgeschlossen werden muss. Er empfindet
allerdings die Tatsache, dass sein Urlaub gestrichen wurde, als willkürlich und
schikanös.
Die erweiterte Anamneseerhebung unter tiefenpsychologischen Gesichtspunkten
erbringt schließlich wichtige Hinweise auf biografisch bedeutsame Konflikte des
Patienten mit seinem Vater. Dieser wurde als manchmal willkürlich strafend und
schikanös erlebt. So habe sich der Patient bereits in frühen Jahren abgewöhnt,
sich allzu offen auf etwas zu freuen, weil ihm sein Vater durch Verbote dann
massiv einen Strich durch die Rechnung gemacht habe. Er habe die Verbote nicht
eingesehen. Rebellion sei aber zwecklos gewesen. Schließlich habe er sich in
sein Schicksal gefügt und resigniert.
Erst auf diesem Verständnishintergrund wird verstehbar, dass die sachlich begründete
Verschiebung eines Urlaubes auf subjektivem Bedeutungshintergrund gleichgesetzt
wurde mit Willkür und Schikanierung. Massive Gefühle von Enttäuschung, Kränkung,
Ärger und Wut waren den Patienten in der aktuellen beruflichen
Konfliktsituation nicht bewusstseinsfähig. Sie blieben verdrängt und erfuhren
eine „Wendung gegen das eigene Selbst“ in Form depressiver Symptombildung.
Die tiefenpsychologischen Therapieverfahren gehen davon aus, das der Patient
eine wesentliche Hilfe dadurch erfährt, dass er mit seinen abgewehrten Gefühlen
wieder in Berührung kommt. Hierdurch erweitert sich das Spektrum emotionaler
Reaktionsmöglichkeiten. Der Patient kann durch die größere Vielfalt ihm zur
Verfügung stehender Emotionen soziale Situationen besser meistern,
Konfliktspannungen besser ertragen, was beides zu einer (antidepressiven)
Selbstwertsteigerung führt.
Die Behandlung der
neurotische
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Depressionen in der Hardtwalklinik II
Die
Hardtwaldklinik II ist eine psychotherapeutisch/psychosomatische
Rehabilitationsklinik mit mehr als
25-jähriger Tradition. Pro Jahr werden etwa 2000 Patienten im Rahmen
durchschnittlich 6-wöchiger Heilverfahren behandelt. In den vergangenen Jahren
machten verschiedene Formen depressiver Erkrankungen jeweils knapp mehr als 50 %
der Patienten aus. Patienten mit einer
neurotische
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Depression bilden eine große Untergruppe depressiver Erkrankungen mit
jeweils mehr als 300 Behandlungsfällen pro Jahr. Die Hardtwaldklinik II verfügt
somit langjährig über eingehende Erfahrungen mit der Behandlung depressiver
Patienten im allgemeinen und an einer
neurotische
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Depression erkrankter Patienten im speziellen.
Nach Aufnahme
wird eine eingehende medizinische und psychotherapeutische Diagnostik durchgeführt.
Diese umfasst eine ganzkörperliche Aufnahmeuntersuchung (vor allem
internistischer und neurologischer Status), ein Laborscreening, eine ausführliche
krankheitsbezogene und biografische Anamnese, die Erstellung eines psychischen
Befundes und einer Verhaltensanalyse bzw. psychodynamischen Hypothesenbildung
zur Krankheitsentstehung. Ggf. kommen testpsychologische Untersuchungen zur
Anwendung.
Wesentliches
Merkmal einer stationären psychotherapeutischen Behandlung ist immer zunächst
einmal die Entlastung von häuslichen und beruflichen Verpflichtungen. Oftmals
kann bei einer chronifizierten und schwerwiegenden
neurotische
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Depression erst durch die Entlastung eine wirksame Psychotherapie in
Gang kommen. Die psychotherapeutische Behandlung in der Hardtwaldklinik II ist
im Regelfall immer eine Kombination aus hochfrequenter
Gruppenpsychotherapie und
begleitenden einzelpsychotherapeutischen
Gesprächen. Bei der Gruppentherapie wechseln sich jeweils sprachliche
Verfahren (analytisch-interaktionelle Therapie oder verhaltenstherapeutische
Depressionsgruppe) mit einem Kreativverfahren ab (Gestaltungstherapie, konzentrative Bewegungstherapie oder Musiktherapie).
Bei der
Gruppentherapie neurotisch depressiver Patienten sind nach unserer Erfahrung die
von I. D. Jalom beschriebenen allgemeinen Wirkfaktoren einer Gruppentherapie von
besonderer Bedeutung. Der depressive Patient wird in einer
Therapiegruppe auf Gleichgesinnte und damit
auf Verständnis stoßen. Kontrastierend zu häuslichen oder betrieblichen
Vorerfahrungen, demzufolge man ihm nicht glaubte, erkrankt zu sein, wirkt das
Verständnis von Mitpatienten entlastend. Das Miterleben der Besserung der
depressiven Symptomatik bei Mitpatienten wird Hoffnung vermitteln, die eigene
Depression zu überwinden. Die Gruppe bietet zudem Möglichkeiten, aus den gehörten
Krankheitsberichten Eigenes wieder zu entdecken und mit Hilfe fremder Rückmeldungen
die eigene Lebensgeschichte besser verstehen und einordnen
zu können. In der sozialen Matrix der
Gruppe können eigene ungünstige Verhaltensmuster erkannt werden. Zugleich
stellt dies den Beginn dar, neuere und günstigere Techniken des mitmenschlichen
Umgangs zu entwickeln. Insgesamt bietet die Gruppentherapie neben der Chance zum
vertieften Verständnis der eigenen Depression die Möglichkeit zu
korrigierenden emotionalen Erlebnissen.
Wichtiger
Bestandteil eines stationären Heilverfahrens
sind verschiedene
Informations- und Vortragsveranstaltungen, die sich im engeren und weiteren
Sinn mit Fragen der Depression und Depressionsbewältigung beschäftigen.
Obligatorisch ist das Erlernen der Grundzüge eines Entspannungsverfahrens. Gestufte sportliche Aktivitäten,
Terrainwanderungen in freier Natur, Schwimmen
(und Saunieren) stellen wichtige
Angebote dar, den eigenen Körper wieder in positiver Weise zu erleben.
Eine
obligatorische Anamneseerhebung und ärztliche Untersuchung sollen Aufschluss
darüber geben, ob körperliche Erkrankungen oder pharmakologische
Nebenwirkungen vorliegen, die eine Depression begünstigen. Ggf. wird ärztlicherseits
eine Behandlung eingeleitet oder diese modifiziert. Es erfolgt eine individuelle
Beratung darüber, ob und warum eine begleitende psychopharmakologische
Behandlung als sinnvoll erachtet wird. Die Psychopharmakotherapie
geschieht nach den Leitlinien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften.
Ein
wesentliches Augenmerk wird in unserer Klinik, unserem Grundverständnis als
Rehabilitationseinrichtung folgend, auf die konkreten Auswirkungen einer
neurotische
n
Depression auf den privaten und beruflichen Alltag gelegt. In
Zusammenarbeit mit Sozialpädagogen und klinikexternen Rehabilitationsberatern
ermitteln wir frühzeitig, ob nach der stationären Behandlung noch ein Bedarf
an weiteren Rehabilitationsmaßnahmen bestehen wird. Soweit möglich, werden
solche Maßnahmen in der Klinik nicht nur vorbesprochen, sondern auch bereits
eingeleitet.
Es erfolgt
zudem eine eingehende Beratung, ob im Anschluss an die stationäre Behandlung
sich eine ambulante Weiterbehandlung anschließen sollte.
Ihr Dr.
Manfred Schäfer
Chefarzt der HWK II

Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw.
Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne
zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer
Privatambulanz.
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Aktualisiert:
Mai 2010
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